Ein Tag an der Uni

Marius Mailänder

„Kennst Du den Ort?“, frage ich Nader und er verneint. Gemeint ist Unter den Linden in Berlin Mitte, wo sich das Hauptgebäude der Humboldt-Universität befindet. „Und hier das Brandenburger Tor?“ frage ich mit dem Finger auf der Karte weiter, „...äh ja, da war ich einmal...“. Levent mischt sich ein: „Ich aber noch nicht ... glaub ich ... das ist ein unbekannter Ort“.  „OK, und wie stellt ihr euch die Uni eigentlich vor?“. „Hmmmm, auf jeden Fall größer als die Schule, aber keine Ahnung.“

Es ist Mittwoch, der dritte Tag der Projektwoche, und wir stehen kurz davor, mit der sechsköpfigen Schülergruppe in Richtung Humboldt-Universität aufzubrechen. Die Idee, eine Gruppe an fremde, unbekannte Orte zu führen, hatten wir schon länger, aber erst jetzt, mit der letzten Gruppe, setzen wir sie endlich in die Tat um. Und tatsächlich, eine Universität hatte noch keiner der Schüler von innen gesehen. In der Vorbereitung, einen Tag zuvor, sammeln die Schüler deshalb noch Fragen zur Uni, den einzelnen Fächern und ganz allgemein über das Studierendenleben: „Ist das da sehr schwierig?“, „Welche Fächer habt ihr?“, „Wie lange dauert das?“, „Wie lange machst du das schon?“, „Was macht man damit mal?“, „Habt ihr auch eine Klingel nach dem Unterricht?“, „Gibt's dafür Geld?“.

Am Mittwoch nach der zweiten Stunde brechen wir auf und steuern direkt das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, die neue Zentralbibliothek der HU, an. Wir führen sie flüsternd, und unter Zuhilfenahme sanfterer, so wie auch nachdringlicherer „pssssts“, durch die Gänge, um ihnen einen kleinen Einblick in diese Facette des Universitätslebens zu geben. Die Schüler sind von der Größe des Gebäudes, der repräsentativen Architektur und der schieren Masse von Büchern sehr beeindruckt. Noch viel mehr fasziniert sie aber die Tatsache, dass „hier alles so frei rum steht“. „Hier passt ja gar keiner auf [...] kann man die einfach so nehmen die Bücher?“. Ratlose Blicke. Unverständnis macht sich breit. Yussuf zieht zur Probe eines der Bücher aus einem Regal. Eine dicke Staubschicht liegt auf dem dicken, alten Wälzer. Er braucht nur den Bruchteil einer Sekunde um zu begreifen, welch verlockende Möglichkeiten dieses verstaubte Buch bietet. Mit dem Überraschungsmoment auf seiner Seite, bläst er Nader eine dicke Staubwolke ins Gesicht. Alle lachen und sind begeistert, nur einige der Bibliotheksbenutzer nicht. „Psssst.“ Wir  verkneifen uns das Lachen und wollen weiter, aber natürlich muss Nader erst noch Rache üben und Yussuf mit einem weiteren Buch einstauben. Verkniffenes Gekicher. „Psssst.“ Eine Besucherin bittet um Ruhe. Wir wollen weiterziehen und die Bibliothek erkunden, sind aber immer noch zu laut, so dass wir nach der zweiten Beschwerde lieber den Rückzug antreten und in Richtung Ausgang gehen. Die Schüler haben dafür vollstes Verständnis, schließlich ist das Gebot der Ruhe eine Regel, die in der Schule, sowie in der Bibliothek gilt und ihnen mehr als vertraut ist. Der Weg zum Ausgang führt uns im Erdgeschoss durch die mit Sesseln und Sofas ausgestattete Lounge, in der zur großen Begeisterung aller, zwei der Besucher eine Schlafpause eingelegt haben. „Man kann hier schlafen? Ist das erlaubt? Krass“. Hier sind sie wieder überrascht, da das so an der Schule nicht erlaubt wäre. Sofort schmeißen sich zwei der Schüler auf freie Sessel und imitieren das Beobachtete. Schnarchend und kichernd natürlich. Sie stellen auch Theorien auf, warum die Studierenden hier schlafen müssen. Tayyar: „Die lernen so viel und das macht ja dann voll müde“. Alle stimmen zu, so wird es sein. 

Wir verlassen die Bibliothek sehr amüsiert und ziehen weiter, am HU Hauptgebäude vorbei, in Richtung des Instituts für Europäische Ethnologie. Dort angekommen, betreten wir als erstes den Gruppenarbeitsraum im Erdgeschoss. Der Raum dient auch als Archiv alter Seminarapparate und steht dementsprechend voll mit Ordnern. Wie schon in der Bibliothek sind die Schüler auch hier erstaunt darüber, dass die Ordner frei zugänglich und nicht in irgendeiner Weise gesichert sind. „Und hier ist nicht abgeschlossen?“, „Da kann jeder rein?“, „Und die ganzen Akten hier, die macht keiner kaputt?“. Erneute Fassungslosigkeit. „So etwas geht bei uns in der Schule nicht.“ Ähnliche Faszinationen lösen wenig später auch die Toiletten bei zwei Schülern aus: „Die sind krass sauber und so ordentlich […] bei uns sind die voll eklig, da willst du gar nicht drauf, aber die hier sind voll gut.“ Wieder werden Theorien nach den Ursachen gesucht: „Ihr seid halt schon älter und vernünftig, aber bei uns machen alle nur Scheiße […] wir sind halt noch in der Pubertät“.

Wir haben die Schüler an diesem Tag durch die verschiedenen Etagen und Räume des Instituts geführt. Außerdem haben sie durchaus mit Begeisterung einige Interviews geführt und Beobachtungen aufgezeichnet. Während des ganzen Tages stellten sie dabei immer wieder fest, dass an der Universität andere Regeln als an der Schule gelten: Die Bücher in der Bücherei scheinen frei zugänglich; in der Lounge und an den Arbeitsplätzen darf geschlafen werden; der Gruppenarbeitsraum ist nicht abgeschlossen und die Ordner sind nicht gesichert. Die größte Begeisterung löste in diesem Zusammenhang aber Felline, die Hündin einer Mitarbeiterin, aus. „Was? Hunde dürft ihr hier auch noch haben?“