Sprechende Schneebälle

Ninja Taprogge

Es ist Anfang Dezember 2010 als Christian und ich das alte Schulgebäude verlassen. Draußen ist es weiß und bitterkalt. Mit Mützen, Schals und Handschuhen ausgerüstet, ziehen wir los, um Christians Schulweg fotografisch zu dokumentieren.

Vor dem großen, grünen Schultor stehen einige männliche Jugendliche, die wohl älter sind als Christian und Schneebälle formen, mit denen sie sich gegenseitig bewerfen. Vorsichtig gehen Christian und ich an ihnen vorbei und treten auf die Straße, um das Schulgebäude perspektivisch besser einfangen zu können. Plötzlich richtet sich die Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf Christian und mich. Während Christian fotografiert, fliegt ein Schneeball in seine Richtung und verfehlt ihn nur knapp. Scheinbar unbeeindruckt macht er weiter. Ich hingegen frage: „Hey, was soll das, Jungs? Seht ihr nicht, dass er eine teure Kamera in der Hand hält?“ Sie antworten mir nicht. Christian und ich drehen uns um und wechseln die Straßenseite. Ich frage ihn: „Kennst du die Jungs eigentlich?“ Er verneint und sagt: „Ach, die sind total primitiv.“ Gemeinsam setzen wir Christians Schulweg fort.

Ein paar Tage später darf ich mir Christians Feldtagebuch anschauen und stoße auf seine Wahrnehmung der gerade beschriebenen Situation. Darin erzählt und zeichnet er den Vorfall (s. Abbildung). Zunächst bin ich ein wenig irritiert, versuche aber seine Zeichnungen und Erläuterungen zu verstehen. Deutlich wird, wie sehr sich unsere Wahrnehmungen voneinander unterscheiden. Ich frage mich: Warum ist das so? Welche Ausgangssituationen tragen zu dieser differenten Situationsbeschreibung bei?

Christian ist 13 Jahre alt und geht seit dem Sommer in die 7. Klasse. Er ist einer der Jüngsten und gehört als Jugendlicher ohne Eltern mit ‚Migrationshintergrund‘ zur Minderheit an seiner Schule. Dessen scheint er sich bewusst zu sein. Jedenfalls sagt und zeichnet er, dass er sich nicht richtig wohl fühlt und zum nächsten Halbjahr auf eine andere Schule wechseln möchte.

Erfahrungen, die er in seinem Schulalltag bereits gemacht hat oder noch machen wird, bleiben mir leider weitgehend verschlossen. Dazu ist eine Woche ‚Feldforschung‘ einfach zu kurz. So kann ich nur einen Schnipsel des Schulalltags von Christian und den anderen Jugendlichen beobachten. Auch sie erfahren wenig von mir: als Frau, als Studentin und angehende Ethnologin, als jemand ohne ‚Migrationshintergrund‘. Wie wirkt dies in der Schule, besonders in der Situation vor dem Schultor? Natürlich bekomme ich gespiegelt, was ich durch mein Auftreten evoziere. Doch was ist das? Wie wirkt sich meine Anwesenheit auf Situationen und Verhaltensweisen im Raum aus?

In meinen Augen sind meine KommilitonInnen und ich nicht dramatisch ins Feld eingestiegen. Wir sind nicht mit festgefahrenen Bildern in unseren Köpfen in die Schulen gekommen und haben die Jugendlichen als ,Andere‘, als MigrantInnen oder ExotInnen betrachtet. Wir sind offen eingestiegen und waren neugierig darauf, was sich entwickeln würde. Widergespiegelt wurde uns ein positives Gefühl und Feedback. Die SchülerInnen zeigten sich uns gegenüber aufgeschlossen und höflich – zugegeben, mal mehr oder weniger interessiert.

Eine Erfahrung des Feldes ist deshalb, dass bestimmte alltägliche Situationen und Verhaltensweisen für uns unzugänglich geblieben sind. SchülerInnen haben diese nicht thematisiert, um sich uns gegenüber besonders lieb zu verhalten. Jeder will sich eben von seiner oder ihrer besten Seite zeigen.
Zugehörigkeit wird im Schulraum immer wieder neu ver- beziehungsweise ausgehandelt. Sobald ,Fremde‘ anwesend sind, die wir in diesem Kontext waren, ist es nur natürlich, dass bestimmte Verhaltensmuster verdeckt bleiben und spezifische Themen verschwiegen werden. Für Christian und die Schneeballwerfer war ich eine ,Fremde‘. Sehr wahrscheinlich hätten er und sie sich anders verhalten, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Können Christians Aufzeichnungen also als eine Situationsbeschreibung gelesen werden, in der ich gar nicht anwesend war? Immerhin hat er mich nicht mit eingezeichnet.

Die Frage bleibt offen, aber unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen haben mich über einen Diskurs nachdenken lassen, der immer wieder, mal mehr oder weniger präsent in den deutschen Medien ist. MigrantInnen werden im deutschen öffentlichen Raum als Minderheit betrachtet. An dieser Schule jedoch, ist das scheinbar genau umgekehrt. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen haben Eltern mit ‚Migrationshintergrund‘. Kann in diesem konkreten Fall also von einer Umkehrung der gesamtgesellschaftlichen Situation im ‚Schulraum‘ gesprochen werden? Zeigt sich Diskriminierung hier in genau umgekehrter Form? ,Minderheiten‘ haben es jedenfalls offensichtlich immer und überall schwer.