Die baberlynische Sprachverwirrung

Sanda Hubana

Es ist Sommer und Beginn der zweiten Projektwoche. Nach der allgemeinen Vorstellungsrunde schlagen die KünstlerInnen ein Kennenlern-Spiel vor. Wir werden aufgefordert, unseren Herkunftsort zu nennen. Es fallen Städtenamen wie Berlin, Ramallah, Tuzla, Aachen, Izmir oder Herford. Bei der zweiten Kennenlernrunde sollen wir uns dann alle in unserer Muttersprache vorstellen, denn hier seien viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Herkünften zusammen. An den Gesichtern einiger EthnologInnen ist ablesbar, dass sich die Begeisterung für dieses Spiel in Grenzen hält. Eine Schülerin äußert mir gegenüber auf Deutsch, dass sie sich auf Rumänisch vorstellen wird, weil sie die Sprache besser beherrscht als Serbisch.


Eine Künstlerin beginnt und sagt ihren Namen und Herkunftsort auf Bosnisch. Nun muss ihr Nachbar das Gesagte wiederholen und sich im Anschluss selbst vorstellen. Bei den ersten Schülern läuft es ganz gut. Als allerdings ein Mädchen an der Reihe ist, deren Eltern von der Elfenbeinküste stammen, ruft sie leicht verzweifelt: „Ich will mich nicht auf Französisch vorstellen. Ich kann das nicht. Meine Mutter kann das viel besser!“ Eine Künstlerin sagt motivierend: „Du kannst das! Du schaffst das!“ Doch das Mädchen weigert sich und stellt sich letztlich auf Deutsch vor. Dass die gestellte Aufgabe keine leichte ist, merke ich spätestens, als ich dran bin. Mein Nachbar stellt sich auf Arabisch vor und ich habe Mühe, das Gesagte, ohne es verstanden zu haben, zu wiederholen. Schließlich wiederhole ich unsicher das, was ich mir merken konnte und stelle mich selbst dann auf Bosnisch vor. Die babylonische Sprachverwirrung kommt mir in den Sinn. Als zwei andere Mädchen dran sind, die mir vorher aufgeregt mitgeteilt hatten, dass sie ebenfalls aus Bosnien kämen, bin ich ein wenig erstaunt: Sie können sich weder vom Vokabular her noch grammatikalisch korrekt auf Bosnisch ausdrücken. Dies hindert sie jedoch nicht daran, es trotzdem mit Selbstbewusstsein zu tun.

Sag mir, was du sprichst und ich sage dir, wer du bist?

Solche Spiele scheinen auf den ersten Blick lustig. Und doch werden damit automatisch Fragen zu Migration, Integration, Herkunft, Zugehörigkeit, Differenz und Identität aufgegriffen und ganz selbstverständlich an die Kids adressiert. Die darin enthaltene Vorannahme „Ihr sprecht eine andere Sprache!“ deutet auf einen gesellschaftlich weit verbreiteten Diskurs des Anders-Seins bzw. des Anders-Sein-Sollens hin, der an die Jugendlichen unhinterfragt herangetragen wird. Mit anderen Worten: In diesem Zusammenhang kann durchaus vom othering gesprochen werden. Also davon, dass wir jemandem eine ‚andere’ Identität zuschreiben. Denn hier wurden nur diejenigen Jugendlichen von der Mehrheit verstanden, die sich auf Deutsch vorgestellt hatten. Interessant ist jedoch, wie die Jugendlichen und wir mit dieser Situation umgegangen sind: Die Einen stellten sich ganz selbstverständlich oder eben bewusst und leicht trotzig auf Deutsch vor. Die Anderen handelten entsprechend der Erwartungshaltung und geben ihre Türkisch-, Französisch-, Arabisch-, Bosnisch-, Englisch- oder eben Rumänisch-Kenntnisse zum Besten. Allerdings war bei den bosnisch-sprechenden Mädchen auffällig, dass sie nur vorgaben, die Sprache perfekt zu können. Wenn ich nicht selbst Bosnisch sprechen würde, wäre mir dies nie aufgefallen.

Über Repräsentation

In diesem Zusammenhang ist also Performativität gefragt: Den Jugendlichen wird eine Aufgabe gestellt. Sie dekodieren diese entsprechend ihrer Erfahrungsmuster und gesellschaftlicher Diskurse und gehen damit auf ihre ganz spezifische Art und Weise um. Wenn erwartet wird, die Stimme des Migranten zu hören, dann spricht der oder die eben auch zu einem. Auch wenn er oder sie besser Deutsch spricht und in Berlin geboren ist. Die Frage ‚Wer will ich bzw. wer soll ich sein?‘, zeigt sich hier in einem anderen Licht und verdeutlicht, dass das Betonen und Beherrschen von Identität(en) immer auch mit Repräsentation zu tun hat. Sofern der Wunsch darin bestand von einer Muttersprache auszugehen, zeigte sich bei vielen SchülerInnen, dass dies ganz offensichtlich Deutsch ist.

Damit hätten wir auch das Rätsel um den Berliner Turm zu Babel an dieser Stelle zumindest ansatzweise gelöst. Wenn wir zukünftig bei der Arbeit mit Jugendlichen bewusster mit derartigen „zur Auflockerung“ bestimmten Spielen umgehen, dann wird es wohl künftig weder zu Spielen wie unserer Baberlynischen Sprachverwirrung noch zu solchen wie ‚Völkerball‘ oder ‚Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?‘ kommen.