1. Was passiert, wenn…(2. Europäische Ethnologie als Schulfach)

Carola von der Dick

Einblicke in die Projektarbeit im Sommersemester

Was passiert, wenn eine Woche lang zehn EthnologiestudentInnen, eine Autorin, ein Musiker und eine Klasse an der Oberschule am Brunnenplatz gemeinsam arbeiten und forschen?
Das wusste am Anfang keiner so genau, als die erste Projektwoche mit der 7b in Wedding begann. Das Thema „Koffer“ und die Fragen „Was habe ich dabei?“ und „Was nehme ich mit?“ waren nur der Einstieg für das Projekt, in dem es darum ging, herauszufinden, was wir von den Lebenswelten anderer Menschen lernen können.

Die Idee war zunächst, dass die Studierenden der Humboldt Universität die ethnologischen und wissenschaftlichen Methoden, mit denen sie arbeiten, den SchülerInnen vorstellen. Dazu musste zuerst erklärt werden, was Ethnologen eigentlich machen.
– Früher sind sie z.B. an den Amazonas gereist, um zu erfahren wie die Menschen dort leben, haben die Sprache gelernt, beobachtet, viele Fragen gestellt und dann ein Buch darüber geschrieben. –
Heute wissen wir, dass man gar nicht weit weg fahren muss, um Neues zu entdecken:
Direkt vor der Haustür in Berlin kann es genauso interessant und neu sein, wenn man genau hinschaut und anfängt, zu forschen. Dabei kann man auch beobachten, welche Vorurteile und Klischees man eigentlich im Kopf hat.

Von Montag bis Donnerstag wurde in kleinen Gruppen in der Schule gesucht und gesammelt, erforscht und experimentiert. Um sich gegenseitigen kennenzulernen, muss man natürlich viele neugierige Fragen stellen.
„Welche drei Dinge sind dir am wichtigsten?“, „Was kannst du gut?“, „Wohin würdest du gerne mal verreisen?“, „Wo gehst du einkaufen?“, „Was passiert auf deinem Weg zur Schule?“, „Warum kommt der Bus M27 immer zu spät?“, „Was verraten die Dinge, die auf der Strasse liegen, über den Kiez?“, „Was bedeutet das da eigentlich, das Bild dort an der Wand?“
Dies sind nur einige der Fragen, die im Laufe der Woche aufgeworfen und auf unterschiedlichste Weise bearbeitet wurden.

Eine Gruppe hat sich hauptsächlich mit Mode beschäftigt, dazu Fotos gemacht und eigene Geschichten geschrieben. Eine andere hat Interviews mit Menschen im Wedding gemacht. Dabei waren einige SchülerInnen von sich selbst überrascht, weil sie erst schüchtern waren, sich dann aber doch trauten, fremde Menschen anzusprechen! Die Gruppe hat die Antworten der Menschen auf der Straße mit den eigenen verglichen, und nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten gesucht. Andere SchülerInnen haben Geräusche aus der Umgebung aufgenommen und Musik gemacht, eine Gruppe hat einen Film über „den wichtigsten Bus im Kiez“ gedreht.

Am Freitag, zum Abschluss der Projektwoche, hat die 7b den Parallelkassen die Ergebnisse der Arbeit präsentiert. Alle hatten etwas zu erzählen und vorzuzeigen. In dieser Woche haben sich nicht nur die Studierenden und SchülerInnen kennengelernt, auch untereinander konnten die SchülerInnen manches Neue an sich entdecken.

2. Europäische Ethnologie als Schulfach – ein Versuch. Einblicke in die Projektarbeit im Wintersemester

Christina Heuschen

Erdkunde, Englisch oder Biologie: nur drei der Fächer, die zum Schulalltag gehören. Aber was ist mit Europäischer Ethnologie? Könnte dies ein mögliches Unterrichtsfach und Teil eines zukünftigen Schulalltags sein? Wie bringt man SchülerInnen im Alter von 13 bis 18 Jahren Methoden der Europäischen Ethnologie bei und was können sie dadurch lernen? Für die drei Projektwochen im Wintersemester wählten wir „Raum“ und „Räumlichkeit“ als thematischen Rahmen unserer Arbeit. Wir interessierten uns für die räumliche Praxis der Jugendlichen und schlugen ihnen vor, uns in der gemeinsamen Arbeit auf den Schulraum zu konzentrieren. Daraus entwickelten sich dann je nach Schule unterschiedliche Unterthemen.

Zu Beginn der Projektwochen stiegen wir in unsere Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern über die Methode Interview ein. Dafür gaben wir ihnen folgenden Arbeitsauftrag:
„Stellt euch vor, ihr wärt Journalisten und würdet an diese Schule kommen. Was könnte euch an der Schule interessieren? Überlegt euch bitte Fragen dazu.“
Im Anschluss daran führten die SchülerInnen untereinander, aber auch mit uns Interviews. Nachdem wir die Interviews transkribiert hatten, konnten wir schließlich mit den SchülerInnen gemeinsam gruppenspezifisch Themen generieren. Die thematischen Schwerpunkte sind daher immer aus den Interviews und somit aus dem Interesse der Jugendlichen hervorgegangen. Schnell stellten die Schüler fest, dass sie während des Interviews besonders aufmerksam sein mussten, um nachfragen zu können: Zehra erkennt nach ihrem Interview mit Sanda ein wichtiges Detail bei der Durchführung von Interviews: das Nachhaken. Sie erzählt, dass ihr Sandas Fragen gefallen haben und dass sie immer wieder nachgefragt habe.

Später, als es einen Partnertausch gibt, übernimmt sie sowohl einige von Sandas Fragen als auch das Nachhaken. Zum Schluss berichtet sie Sanda lachend: „Ich habe Ihre Fragen geklaut.“

Außerdem konnten wir feststellen, dass die Jugendlichen immer selbstbewusster wurden. Für Alexa liegt der Erfolg der Projektwoche besonders darin, festzustellen, dass es ihr Spaß macht, Interviews zu führen. Sie nimmt hier eine Leistungssteigerung bei sich selbst wahr. Alle SchülerInnen entwickelten im Lauf der Projektwoche ihre Fragen immer flüssiger und überlegen sich dabei eigenständiger ihre Fragen.

Durch die Anwendung der Methode Wahrnehmungsspaziergang, den wir gleich zu Beginn der Woche durchführten, arbeiteten wir Räume in der Schule heraus, die für die Jugendlichen besonders wichtig sind. Die Schülerinnen und Schüler bildeten Zweierteams, führten sich abwechselnd durch die Schule und machten Notizen von ihren Beobachtungen. Dabei probierten wir auch eine besondere Variante des Wahrnehmungsspaziergangs aus. Jeweils ein/e Schüler/in aus einem Team ging mit verbundenen Augen durch die Räume, um ihre oder seine gewohnte Umgebung auch mal auf andere Art und Weise wahrnehmen zu können und ihren oder seinen Hör-, Geruchs- und Tastsinn zu schärfen. Dadurch bemerkten sie sehr schnell Details, die ihnen im normalen Schulalltag und „sehend“ nicht aufgefallen waren.

Durch die Anwendung der Methode Mental Maps war es ebenfalls möglich, wichtige Räume und deren Bedeutung herauszuarbeiten. Wir konzentrierten uns hierbei auf den Schulweg, den jede/r einzelne Schüler/in auf eine individuelle Weise auf ein Blatt Papier zeichnete. Ergänzt wurden die Mental Maps durch Fotoserien. Dies ist eine hilfreiche Erweiterung, denn dadurch konnten wir bei mehreren SchülerInnen eine Diskrepanz zwischen den Mental Maps und den dazugehörigen Fotoserien erkennen.

Alle Untersuchungsorte und Objekte waren eigentlich für die Jugendlichen sichtbar, da sie fester Bestandteil ihres Alltages sind. Doch genau darin liegt das Problem. Alltägliche Dinge nimmt man oft nicht mehr wahr. An dieser Stelle kommt nun unser Fach ins Spiel: Durch den Einsatz ethnologischer Methoden sind die Ergebnisse unserer Forschung für die Schüler sowohl sichtbar als auch kommunizierbar geworden. Es erwies sich als durchaus sinnvoll, die Methoden der Europäischen Ethnologie in der Schule zu nutzen. Denn Jugendliche lernen nachzufragen, ins Detail zu gehen und Dinge anders als gewöhnlich wahrzunehmen. Letztlich kann hierdurch auch interessenbasiertes Lernen ermöglicht werden. Europäische Ethnologie ist das Schulfach der Zukunft!