1. Schule bedeutet Pflicht(en) – so ist es eben!(2. „Ähm...27?“)

Christina Heuschen, Sanda Hubana und Ninja Taprogge





„Schule ist doof, langweilig; langweilig, doof, dumm; Schule ist scheiße!“, so lautete jedenfalls eine Beschreibung der Schülerinnen und Schüler. Aber warum ist Schule manchem/mancher so unangenehm?
Fest steht: Schule ist ein Raum in dem bestimmte Regeln gelten. Sei leise! Setz dich hin! Mach deine Hausaufgaben! Das sind nur einige der Aufforderungen, die wohl jedem/jeder von uns bekannt vorkommen.
Es gilt also, in der Schule bestimmte Pflichten zu erfüllen und Gesetze zu beachten. Als wir mit Interviews in die erste Woche starteten und die Jugendlichen sich Fragen zum Schulraum überlegen sollten, die sie interessieren, wundert es nicht, dass sie gerade auf Gebote und Verbote zu sprechen kamen. So lauteten erste Fragen: „Wo wird hier geraucht?“, „Wo ist hier das Klo?“
Obwohl rauchen an der Schule nicht gestattet ist oder gerade weil bestimmte Dinge gelten, entwickeln die Schülerinnen und Schüler Ausweichstrategien. So rauchen  sie beispielsweise auf der Toilette oder stellen sich in die Ecken des Schulhofs, um die, die rauchen, zu verdecken. Wenn dann ein Lehrer oder eine Lehrerin hinzustößt, werden alle Zigaretten schnell ausgemacht und niemand kann identifizieren, wer gerade geraucht und somit eine der Regeln gebrochen hat.
Räumliche Praxis in der Schule folgt strikten Regeln. Raum bedeutet Grenzen und diese Praxis innerhalb der Schule begrenzt und schränkt ein. Gerade das, was verboten ist, wirkt besonders attraktiv. Ein bedeutender Raum, in dem Gebote und Verbote neu verhandelt werden, war die Toilette. Direkt am ersten Tag bemerkten wir durch Erzählungen von den Schülern und Schülerinnen und besonders durch das eigene Betreten des Raums, dass sich hier mehr abspielte als das, was ein „stilles Örtchen“ vermuten lässt:

Ein stilles Örtchen?

„Es ist Montag, kurz nach acht Uhr und Beginn der ersten Projektwoche im Winter. Ich muss auf die Toilette und gehe in die Schule hinein. Ich frage einen Schüler, wo ich denn eine finden kann und er sagt höflich, dass ich ins 2. OG muss. Beim Hochgehen bemerke ich zwei Mädchen, die besonders langsam hoch laufen. Im 2. Stock angekommen, schauen sie vorsichtig um die Ecke und biegen dann schnell in die entgegengesetzte Richtung ab. Sie wollen offensichtlich nicht gesehen werden. Bei der Toilette angekommen, öffne ich die Tür. Es riecht nach Rauch. Ich sehe die beiden Mädchen wieder. Sie sitzen auf dem Fußboden, schauen mich kurz an, unterhalten sich weiter und lassen sich nicht durch meine Anwesenheit beirren. Im Gegensatz zu den anderen Schulen, die wir besucht haben, besitzt diese Klopapier. Spiegel und Klobrillen sind nicht vorhanden. Sprüche und Graffitti sind an den Wänden zu sehen. Ich gehe wieder hinaus, doch die Mädchen scheinen keine Anstalten zu machen, dies ebenfalls zu tun.“

Über den Arbeitsprozess

In einer Projektwoche begannen wir mit der Methode Interview. Dafür stellten wir den SchülerInnen folgenden Aufgabe: „Stellt euch vor, ihr wärt Journalisten und würdet an diese Schule kommen. Was interessiert euch an der Schule? Überlegt euch bitte Fragen dazu.“ Anschließend führten wir untereinander Interviews, aus denen wir u.a. das Gruppenthema ‘Gebote & Verbote im Schulraum’ herausarbeiteten. Durch die Anwendung der Methode Wahrnehmungsspaziergang konnten wir zusätzlich wichtige Räume in der Schule ausmachen. Die Schülerinnen und Schüler bildeten Teams, führten sich abwechselnd durch die Schule und machten Notizen. Ein bedeutender Raum war beispielsweise die Toilette. Bevor wir loszogen und den Raum Toilette mit der Kamera erforschten, führten wir die Schülerinnen und Schüler an das Medium Kamera bzw. Foto heran, indem wir Inputs zur Kameratechnik und zu verschiedenen Perspektiven gaben.

Räumliche (Inter)Aktionen

Nach unserer gemeinsamen Forschung stellten wir fest, dass die Toilette kein „stilles Örtchen“ ist. Auf den ersten Blick ist das WC kein Raum, der einladend wirkt. Während unserer Arbeit wurde dies von einer Schülerin mit den Worten „Da drin lebt etwas!“ bestätigt. An dieser Schule ist die Toilette jedoch ein Ort, an dem gechillt, geredet und geraucht wird. SchülerInnen treffen sich dort, setzen sich auf den Boden und verstecken sich vor ihren Lehrerinnen und Lehrern. Das Raum-Wissen der SchülerInnen über die gängige Toilettennutzung wird um die Funktionen des Chillens, Redens und Rauchens erweitert. Durch den Einsatz ethnologischer Methoden ist dies für sie sowohl sichtbar als auch kommunizierbar geworden. Das WC entpuppt sich demnach als Aufenthaltsraum. Ein Schüler kommentierte dies folgendermaßen: „Auf dem Klo ist es so voll wie auf dem Flughafen!“ Die Jugendlichen halten sich hier länger als nötig auf und brechen Schulregeln, indem sie rauchen, sich an den Wänden mit Filzstiften verewigen oder Schuleigentum zerstören.
Nach Beendigung des Projekts teilten uns die SchülerInnen mit, dass eine Toilette mit Silvesterknallern gesprengt wurde. Sie machten uns auf ein Foto, welches bei Facebook zu sehen ist, aufmerksam. Anhand dieses Toiletten-Beispiels zeigt sich, wie Jugendliche sich (Schul)Raum aneignen und diesen umstrukturieren.

2. „Ähm...27?“

Marius Mailänder und Viktoria Gabrysch

Die Idee zu dem Film „Ähm...27“ entstand aus Neugier der SchülerInnen, warum die Buslinie M27 so häufig verspätet ist. Die Vorgabe in dieser Projektwoche war „Mein Kiez“.
Die SchülerInnen sollten in ihrer Umgebung die für sie interessanten Orte oder Phänomene erforschen. Sie schlugen unter anderem das nahe gelegene Einkaufszentrum, die örtliche Polizeiwache, ein Jugendzentrum und die Buslinie M27 vor. Das Geheimnis um die M27-Verspätungen weckte den forscherischen Ehrgeiz der ganzen Gruppe sofort und führte als Ergebnis zu dem dokumentarischen Kurzfilm „Ähm...27“ .