Immer diese Frage nach dem Sinn

Antonia Nooke

Er sieht eigentlich ganz harmlos aus: Der Wachstumsschub kommt wohl erst noch, McDonalds scheint er recht gern zu mögen, das Gesicht ist noch von kindlichem Charme geprägt. Und trotzdem, seinen Willen weiß Emir* eindrucksvoll auszudrücken. Wütende Miene, geballte Fäuste, demonstratives Verbarrikadieren am Tisch – eine Stunde lang ist alles und jeder „scheiße“. In die Textgruppe!? Wer will denn da bitte rein?

Zugegeben, selbst ich würde meiner Gruppe gern einen cooleren Namen verleihen. Mit 14 hätte ich ziemlich sicher auch keine große Lust gehabt, eine ganze Projektwoche mit einem solch trocken klingenden Thema zu verplempern. Besonders, da man sich auf fünf eher unschulische Tage gefreut hat. Und dann öde Texte schreiben? Nun, Emir ist offensichtlich entschlossen, dieses Schicksal zu vermeiden.

Während ich seinen geübt wirkenden Auftritt begutachte, fange ich an, mit mir zu hadern: Sind Texte wirklich so schrecklich? Sehen die Künstlerin und ich echt so uncool aus? An anderen Tagen sind einzelne SchülerInnen nicht erschienen – um’s diplomatisch auszudrücken. Nun ja, bei Projektwochen war auch in meiner Schulzeit die Arbeitsmoral eher gering. Aber ich meine, für mich ist das hier auch anstrengend! Auch ich muss früh raus, auch mir ist heiß und mich langweilt eine Aktion mal. Aber ich tue mein Bestes. Und die Kids? Nicht nur Emir macht seine Unlust deutlich. Wofür das alles dann eigentlich? Ich weiß, in dem Alter sind Freundschaften und Image wichtig. Vermutlich geht es eigentlich gar nicht um uns oder um das Gruppenthema. Und trotzdem. Das Projekt bietet den SchülerInnen doch die Möglichkeit, sich einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Einmal nicht über sich reden zu lassen, sondern endlich selbst zu sprechen! Eigentlich eine lobenswerte Idee, finde ich.

Eine halbe Stunde ist vergangen. Emir sitzt abgewendet in unserem Stuhlkreis. Er sagt, er könne nichts. Er sagt: „Mein Leben ist scheiße, so als ob jemand draufgeschissen hätte.“ Die Künstlerin bittet ihn, doch wenigstens das mal aufzuschreiben. Genau so, wie er das gerade sieht. Es entsteht dies: „Ich hasse schreiben, weil meine Hand tut danach weh und weil ich immer alles falsch schreibe. Ich finde die Schule scheiße, weil ich muss jeden Morgen aufstehen und in die Schule gehen. Ich finde diese Projektwoche scheiße, weil ich hab keinen Bock darauf. Ich finde schreiben scheiße, deshalb schreibe ich nicht weiter.“ Angesichts dieser beschissenen Weltsicht will ich schon grinsen, besinne mich aber. Ich merke, da steckt mehr dahinter. Irgendwie nehm’ ich ihm das alles nicht ab. Und irgendwie hab ich das Gefühl, so blöd findet er uns und unsere Ideen gar nicht.

Zehn Minuten später schreibt Emir statt des aktuellen Tages das nur kurz zurückliegende Sterbedatum seines Opas auf sein Blatt. Die Erklärung fügt er auf Nachfrage trotzig hinzu. Einfach so. Ich halte innerlich die Luft an, bin von dem Moment umgehauen. Das Eis scheint gebrochen. Jetzt nur nichts Falsches sagen.

Beim Wahrnehmungsspaziergang verbinden die Künstlerin und ich den Jugendlichen die Augen. Sie sollen ausschließlich hören und fühlen. Und plötzlich macht Emir auf, beginnt von Blindenschrift zu erzählen. Sein Vater ist von Geburt an blind. Inzest, fügt er hinzu. Seine Mutter ist halbseitig blind. Stein ins Auge. Und dann beginnt er beeindruckend empathisch einen Text über das Leben als Blinder zu schreiben. In meinem Tagebuch notiere ich danach: „Was mich immer wieder enorm bewegt, sind die Lebensgeschichten und Alltagssituationen, die man von den Kids mitbekommt. Und es ist unheimlich bestärkend, mitzuerleben, wie sich einzelne SchülerInnen in der Woche einem selbst gegenüber geöffnet, in ihrem Verhalten verändert und positiv entwickelt haben.“


Eine andere Projektgruppe. Wir sitzen im Stuhlkreis. Sie fällt nicht sonderlich auf, macht keine Kommentare, sagte bisher eigentlich nichts. Während der Kennenlernrunde dann merke ich, dass sie gern nachfragt, über andere etwas erfährt, über sich selbst erzählt. Sie scheint eigentlich aufgeweckt und interessiert am Mitmachen. Nur, da ist große Unsicherheit. Ich entnehme einigen Aussagen, sie ist Muslimin. Ob sie vielleicht anders erzogen wurde? Mit Unbekannten nicht so viel redet? Vielleicht nicht darf? Ich möchte sie ermutigen, aber ihr auch nicht zu nahe treten. Auch ich bin etwas verunsichert. Nach der ersten Interviewübung notiert das Mädchen: „Es hat Spaß gemacht. Aber wenn ich über mich mehr erklären könnte, wäre es viel schöner als man denkt. Ich hatte viel Angst, dass ich Deutschsprache falsch spreche.“

Canan* ist Türkin. Erst vor eineinhalb Jahren kam sie mit ihrer Familie hierher. Mitten in ihrer Schulzeit musste sie dem Unterricht plötzlich in einer völlig fremden Sprache folgen. Ich bin beeindruckt, denn in dieser kurzen Zeit hat die 13-Jährige enorm schnell gelernt. Aber Canan ist ehrgeizig; ihre MitschülerInnen erbarmungslos. Und das nicht einmal gerechtfertig. Denn ich muss feststellen, dass der ein oder andere Deutsche ihr sprachlich keineswegs weit voraus ist.

Je besser unsere Gruppe in den ersten Stunden zusammenwächst, desto mehr beteiligt sich auch Canan spontan am Gespräch. Als wir ankündigen, nun PassantInnen auf der Straße zu befragen, schaut Canan schockiert. Einfach so? Fremde Leute? Auch Männer? Ich bejahe aufmunternd, obwohl mich die letzte Frage in meiner anfänglichen Vermutung bestätigt. Ob wir vorsichtig sein müssen? Gibt es Grenzen zu respektieren? Nach kurzem Zögern willigt Canan ein, mitzukommen. Aber sie würde auf keinen Fall jemanden befragen. Auch die anderen Jugendlichen sind unsicher oder finden die Aktion peinlich. Ein Mädchen fragt: „Was soll ich noch mal genau fragen? Kann ich den Satz lieber aufschreiben?“ Nach etwa 500 Metern Badstraße und so manchem Passanten sind die Schüler begeistert von der Übung – und Canan mittendrin. Ich notiere im Anschluss: „Als wir in die Schule zurückkamen, stritten sie sich bereits um die letzten InterviewpartnerInnen und wollten gar nicht mehr aufhören. Es wurde regelrecht ein Wettbewerb um die meisten Ergebnisse. Jetzt schreiben alle konzentriert ihre Eindrücke auf.“ Canan liest anschließend diese Notiz vor: „Am Anfang war ich sehr nervös, aber man muss es probieren, um die wichtigsten Dinge im Leben zu wissen. Und ich habe es probiert und es hat sehr Spaß gemacht.“ Ich lächle erleichtert, schaue meine Kommilitonin an. Ihr geht es ähnlich. Und in diesem Moment denke ich: Ja, es hat einen Sinn.

Zurück zu Emir. Am zweiten Projekttag sitzt Emir als erster im Raum. Er schaut mich bedrückt an und entschuldigt sich ehrlich bekümmert, dass er einen Projektauftrag wegen eines Streits mit seinem Vater nicht erfüllen konnte. Kein Problem, sage ich, und freue mich insgeheim, dass er sich darum offensichtlich viele Gedanken gemacht hat. Die Gruppe ist ihm also doch irgendwie wichtig geworden.

Doch dann kommt alles anders. Dann kommen nämlich die anderen SchülerInnen herein, das übliche Geplänkel unter Jungs beginnt und Emir wird mehrmals gefragt, ob er denn heute endlich die Gruppe wechsle. Auch einige Erwachsenen bieten ihm das an. Und plötzlich wird Emir wieder ganz der alte, schimpft auf die Textarbeit und beharrt darauf, zur Tongruppe zu gehen oder gar nicht mehr zu kommen. Er kriegt seinen Willen. Und meine eben erst hinzugewonnene Zuversicht verfliegt.

Der Erfolg des vergangenen Tages, das Gefühl eine persönliche Beziehung geknüpft zu haben – alles eine Illusion? Ich gerate schon wieder ins Wanken: Kommt das überhaupt bei den SchülerInnen an, dass wir EthnologInnen und KünstlerInnen rauszufinden versuchen, was sie denn wirklich interessiert? Dass wir versuchen, sie für irgendwelche Themen zu begeistern? Dass wir Methoden aus unserem Studium erklären und sie zum Selbermachen motivieren? Wenn die Kids darauf keine Lust haben, wozu das Ganze dann? Nur damit wir EthnologInnen etwas zu beobachten haben? Damit die KünstlerInnen ihrer Arbeit nachgehen können? Immer diese leidige Frage nach dem Sinn.

Doch von Tag zu Tag lerne ich und notiere schließlich in mein Tagebuch: „Es ist sehr schön, zu merken, dass es die SchülerInnen stolz macht, wenn wir sie loben, dass sie Wert auf unsere Meinung und Empfindung legen.“ Es gibt sie, die Glücksmomente. Eine persönliche Erzählung, ein unaufgefordert mitgebrachtes Foto, eine durchgearbeitete Pause. Oder Emir, dem es leid tut, seinen Auftrag nicht erfüllt zu haben. Die Belohnung liegt oft im Detail.

Manchmal zeigt sich der wahre Effekt aber auch erst in gebührendem Abstand.

Wir sitzen ein zweites Mal an einem Montag im Kreis, die Gruppe mit Canan ist noch dieselbe, nur haben die Mitglieder ein halbes Jahr lang Neues erlebt. Ich bitte die Jugendlichen, drei Ereignisse aus den vergangenen sechs Monaten seit unserer ersten Begegnung zu notieren, die für sie prägend, besonders schön oder traurig, also irgendwie eindrucksvoll waren. Was dann geschieht, halte ich in meinem Tagebuch fest: „Canan entschuldigte sich, dass ihr gerade nur ein Erlebnis einfalle und las vor: ‚Für mich war eigentlich nur eine Sache sehr wichtig: Ich habe nach der letzten Projektwoche sehr an Selbstbewusstsein gewonnen! Jetzt traue ich mich, in der Klasse alles zu sagen, auch wenn mein Deutsch noch nicht perfekt ist.’ Und als wenn sie ihr neues Auftreten gleich demonstrieren wollte, fügte Canan angriffslustig hinzu: ‚Ach ja, und ich wundere mich darüber, dass sich Erkan* überall einmischen muss!’“ Das stichelnde Gelächter des Klassenkameraden über ihr persönliches Bekenntnis kann ihr offensichtlich nichts mehr anhaben. Ich muss lächeln: Es hat einen Sinn. Und ich bin gespannt, ob ich Canan in zehn Jahren noch einmal begegnen darf. Vielleicht im Kostüm in einer Kanzlei. Denn sie hat sich überlegt: „Ich will Anwältin werden. Weil ich den Menschen helfen will.“ In der Türkei oder hier? „In Deutschland natürlich!“, antwortet sie verwundert.

Ja, warum habe ich das überhaupt gefragt?


* Die Namen wurden geändert.