Ich wollte eigentlich Hase, aber ich mache Moschee…

Carola von der Dick

Zu den Prinzipien einer „ästhetischen Forschung“ gehört, dass die Jugendlichen durch persönlich geleitetes Interesse eigenen Fragen nachgehen. Es soll schülerorientiert gearbeitet werden. Alle sollen ein eigenes Thema ihrer Wahl finden und dann dafür ihren eigenen Stil und Ausdruck finden: ihre Ästhetik. In den Projektwochen erwies es sich als echte Herausforderung dieses Ziel konsequent zu verfolgen.

„Forschen mit, nicht über“ in der Schule

Die Frage, wie der ethnologische Anspruch „Forschen zusammen mit den SchülerInnen, nicht über sie“ zu bewältigen sei, wurde in unserem Projekt viel diskutiert. Möglicherweise ist diese Vorstellung eine Illusion; ein Ideal, das zumindest im schulischen Kontext nicht zu verwirklichen ist. Das liegt zunächst ganz offensichtlichen an den Machtstrukturen des schulischen Raumes, in dem die „ästhetische Forschung“ stattfinden soll. Die SchülerInnen arbeiten ja nicht freiwillig mit uns, vielmehr müssen sie während der Schulzeit an der Projektwoche teilnehmen. Einige freuen sich darüber, weil das besser ist als Mathe oder Englisch. Wie sich allerdings herausstellt, ist die Bereitschaft außerhalb der regulären Schulzeit etwas für das Projekt zu tun dennoch gering. Das ist nicht weiter verwunderlich. In einigen Situationen sind die KünstlerInnen und StudentInnen dazu gezwungen, eine Art Lehrerrolle einzunehmen, um zu verhindern, dass totales Chaos ausbricht (was nicht immer gelingt!).

Das zweite Problem ist, dass am Ende der Woche ein Produkt für die Ausstellung entstehen muss, das irgendwie „ästhetisch ansprechend“ gestaltet sein soll. Also werden Themenfindung und Forschungsprozess in eine der StudentInnen oder KünstlerInnen sinnvoll erscheinende Richtung gelenkt.

Wie kommen die SchülerInnen zum Thema „ihrer Wahl“?

Die problematischen Situationen entstehen meist beim ersten Kennenlernen oder bei der Besprechung des weiteren, gemeinsamen Vorgehens. KünstlerInnen und Studierende müssen Angebote machen und so versuchen, Interesse zu wecken. Es werden also Aufgaben gestellt, die bearbeitet werden sollen. Aufforderungen wie „mach doch…“, oder „schreib was zu…“ scheinen in der Praxis unvermeidbar. Einige Feldnotizen veranschaulichen die Schwierigkeit, nicht das Thema zu bearbeiten, was die Ethnologin oder Künstlerin interessiert, sondern die SchülerInnen. 

So schreibt eine Studentin über den Versuch, mit einem Schüler ein Thema festzulegen und ihn zu motivieren:

„…Leider konnte ich ihn überhaupt nicht davon überzeugen, dass das doch eine interessante Überlegung sei, welche Vorurteile Sportler untereinander über verschiedene Sportarten haben. […] Zu seinem Thema in dieser Projektwoche „Freizeit und Wochengestaltung“ soll er ein paar Interviews führen, ziert sich aber als wir unterwegs sind …“

In einer anderen Projektwoche ist Victoria in einer ähnlichen Situation. Miriam soll „ihr“ Thema finden. Während die Gruppe samt Miriam mit einer Künstlerin arbeitet, wendet sich Victoria ihr zu und fragt, ob sie schon ein Thema gefunden hat:

„Ja, Moschee. Ich wollte eigentlich Hase, aber ich mache Moschee…“ mehr sagt Miriam dazu nicht. Und Victoria notiert: 

„I am not surprised and have to assume that she was directed along these lines… But also to be fair, I don’t think I could have done much with rabbit either right away (except around ideas of pets, responsibilities, birthday parties, presents).  But never mind, her topic is Mosque and in fairness, she does go to Koranic school four times a week and drew it quite large on her mental map. But I do know that Miriam got her topic very quickly, while Sara and I had a longer process before settling on her topic. I can’t help but think that Miriam was pushed to go with ‚Moschee‘ rather than ‚Hase‘.“