Wer ist der King? Wer den meisten Raum einnimmt ...

Christina Heuschen

Klassenclown, Streber, Schönheit, Macho: Es gibt sehr viele verschiedene Rollen, die einzelne SchülerInnen in einer Klasse übernehmen. Man schreibt ihnen damit bestimmte Eigenschaften zu und die haben wiederum unterschiedliche Auswirkungen auf das Verhalten der SchülerInnen untereinander.
Der Klassenclown oder Macho steht häufig im Mittelpunkt und lenkt seine Aufmerksamkeit durch Streiche und vieles mehr auf sich. Streber werden dagegen meistens ignoriert; außer sie lassen Andere die Hausaufgaben abschreiben.

Es ist Montag Vormittag. Wir machen einen Wahrnehmungsspaziergang. Die SchülerInnen haben in dieser besonderen Variante der Raumforschung die Augen verbunden und führen sich gegenseitig durch das Schulgebäude. Ich begleite Melda und Ceylin. Als uns andere SchülerInnen entgegen kommen, warnt Melda Ceylin jedes Mal vor und nimmt sie in den Arm. Plötzlich kommt eine relativ große Gruppe von Schülern aus einem Klassenraum heraus. Sie besteht nur aus Jungen. Die entdecken die beiden Mädchen sofort und verteilen sich auf der gesamten Flurbreite. Die Jungen beginnen, die Situation zu beobachten und zu kommentieren. Als Melda dies registriert, stellt sie sich sofort vor Ceylin und beginnt die Jungs zu beschimpfen: „Du Spast. Vollidiot“. Sie befiehlt ihnen, aus dem Weg zu gehen und abzuhauen. Diese reagieren, gehen an Melda und Ceylin vorbei und machen ihnen damit Platz.

Es ist Pause. Einige Schüler stehen in einer dichten Gruppe im Klassenraum und unterhalten sich. Plötzlich reißt jemand lautstark die Tür auf; im Türrahmen steht Kerim. Alle verstummen und drehen sich zu ihm um. Er grinst, kommt lässig in den Raum, geht zielstrebig auf die Gruppe zu, bleibt stehen und sagt etwas. Die Anderen laufen in seine Richtung und stellen sich um ihn herum. Er sieht aus wie der Hahn im Korb.

Beide Situationen scheinen zunächst typische Schulszenen zu sein. Eine Schülerin ruft anderen Schülern zu, dass sie Platz machen sollen und die Angesprochenen handeln sofort. Ein Schüler macht mit Machogehabe auf sich aufmerksam und alle anderen reagieren darauf. Jeder kennt die Situation und jeder weiß, was dies bedeutet – ist das wirklich so? Diese Szenen zeigen viel mehr: Sie thematisieren nämlich auch, welche soziale Position ein Schüler/ eine Schülerin im Gefüge der Klasse einnimmt und was dies für Auswirkungen „im“ Raum hat – wie beispielsweise auf Sitz- wie Stehordnungen. Melda schließt durch ihre Beschimpfungen und ihren „Raumverweis“ andere SchülerInnen aus. Denn zumindest in diesem Moment können die Jungs nicht mehr über diesen Raum, den Flur verfügen. Kerim wie Melda bewirken mit unterschiedlichen Verhalten also durchaus Ähnliches: ein von ihnen bestimmtes räumliches Verhalten im Klassenzimmer. Ihr Verhalten und ihre damit einhergehende soziale Position haben Auswirkungen auf die anderen SchülerInnen, die sich je nach sozialer Situation an die räumlichen Gegebenheiten anpassen. Doch wie sieht es außerhalb der Schule aus? Haben die beiden SchülerInnen dort dieselben Rollen und damit auch dieselbe soziale Position? Oder ist es vielmehr so, dass von ihnen bestimmte Verhaltensweisen erwartet werden? Melda wie Kerim könnten außerhalb der Schule ganz anders reagieren und eine andere Position einnehmen: King oder Queen – nur auf Zeit?