Viele Köche verderben den Brei!?
Ein Essay zum Interessenkonflikt der TeilnehmerInnen am Projekt Sieben Felder

Julia Ebel

„In den ersten beiden Projektwochen hat irgendwie alles besser funktioniert“, schreibe ich am 15. November 2010 in mein Feldtagebuch. Und auch meine KommilitonInnen sind nach dem ersten Tag an der Dieselschule etwas geknickt. Wir fühlen uns „bevormundet und zu Hilfsarbeitern degradiert“. Kein Wunder, denn bislang haben wir die Leitung übernommen und bestimmt, wie wir mit den SchülerInnen arbeiten. Selbst die Ausstellungsstücke haben wir zum größten Teil allein mit den Jugendlichen produziert. Die KünstlerInnen, welche nur in kleiner Besetzung angetreten waren, hatten uns lediglich hier und da unterstützt. Nachdem am Ende des Sommersemesters 2010 endlich die Gelder für das Projekt bewilligt worden sind und demzufolge alle vier KünstlerInnen mit im Boot sitzen, wendet sich das Blatt. Die KünstlerInnen übernehmen nicht nur die Führung, sondern versuchen ihren Fokus, der maßgeblich die Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ist, durchzusetzen. Zielorientiertheit steht nun gegen prozessorientiertes Arbeiten. Drei Parteien, die jeweils ihre eigenen Ideen, Arbeitsweisen und Wertvorstellungen haben, sollen am Ende produktive, lehrreiche und interessante Projektwochen absolvieren und eine Ausstellung auf die Beine stellen? Ich bin ein wenig skeptisch, denn immer wenn mehrere Interessengruppen zusammen an einem Projekt arbeiten, sind Unstimmigkeiten vorprogrammiert.

„Viele Köche verderben den Brei“, kommt mir in den Sinn, denn neben den drei Hauptakteuren sind am Projekt die Förderer beteiligt, jene, die das Projekt Sieben Felder finanzieren und unterstützen. Von Anfang an dabei ist das Haus der Kulturen der Welt (HKW). Diese Einrichtung stellt die Räumlichkeiten und hilft den KünstlerInnen bei der Kuratierung der Ausstellung. Das HKW dürfte demnach eher an den Endprodukten als am Entstehungsprozess interessiert sein. Zudem forciert das Haus die Themen „Integration von Migranten“, „Multikulti“ und „Leitkultur“, welche die KünstlerInnen, zum Leidwesen von uns StudentInnen, auch in den Schulen immer wieder in den Vordergrund stellen. Diese Stigmatisierung der SchülerInnen ist für uns ein Punkt, an dem wir immer wieder mit den KünstlerInnen aneinander geraten.

Als Träger dieses Projektes fungiert das JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27, das die Gelder beantragt und verwaltet. Auf der Homepage des Träger- und Fördervereins ist die Standardbeschreibung des Sieben-Felder-Projekts zu lesen, die ganz klar den Integrationscharakter erkennen lässt.
Nils Steinkrauss, künstlerischer Programmleiter der Schlesischen27, ist dagegen genervt von der „arme-Kinder-Integrationsdebatte“ und sieht dieses Projekt eher als großartige Möglichkeit, etwas über die Europäische Ethnologie zu erfahren, Input für zukünftige Projekte zu sammeln und mit dem Haus der Kulturen der Welt zusammenzuarbeiten. Doch ohne Förderung in Form von Geldleistungen wäre das Projekt Sieben Felder wohl nicht zustande gekommen, schließlich müssen auch die Materialien und die KünstlerInnen bezahlt werden. Diese Funktion haben der Berliner Projektfonds kulturelle Bildung, „eine gemeinnützige Landesgesellschaft zur Förderung, Vernetzung und Vermittlung von Kultur“ und die Bundeszenrale für Politische Bildung übernommen. Dr. Sabine Dengel, Wissenschaftliche Referentin der Bundeszentrale für politische Bildung im Fachbereich Veranstaltungen, legt großen Wert auf die Projektwochen selbst und weniger auf die Ausstellung. Der Gewinn für die SchülerInnen habe höchste Priorität, betont sie und fügt hinzu, das sie diesem Projekt den Zuschlag gegeben habe, weil die Konstellation SchülerInnen-KünstlerInnen-StudentInnen etwas Neues sei, ein Experiment, das sie für alle Parteien als Bereicherung ansieht.

So stellt sich die Frage, welches Interesse diejenigen verfolgen, denen dieses Projekt eigentlich zu Gute kommen soll, die SchülerInnen. Nun ja, die Jugendlichen hatten wohl oftmals keine Wahl, denn sie wurden nicht an jeder Schule explizit gefragt, ob sie eine Projektwoche mit StudentInnen und KünstlerInnen durchführen wollen. Dennoch glaube ich, dass es den SchülerInnen Spaß gemacht hat, mit „Nichtpädagogen“, die sich aufgrund ihrer Gruppenstärke intensiver mit ihnen auseinandersetzen konnten, ein Projekt auf die Beine zu stellen.

Letztendlich besteht der mögliche Konflikt zwischen den KünstlerInnen und den StudentInnen. Jede(r) möchte seine/ihre Interessen durchsetzen, die nur dann vereinbar gewesen wären, wenn die KünstlerInnen und wir StudentInnen dieses Projekt von Anfang an hätten gemeinsam konzeptionieren können. So sind wir uns unserer Rolle innerhalb des Projekts Sieben Feldern nie ganz sicher gewesen. Unser Interesse galt zwar der Herausforderung mit SchülerInnen und KünstlerInnen zu arbeiten. Aber in erster Linie sind wir ForscherInnen und unsere Aufgabe ist es, mit den Jugendlichen zu forschen und gleichzeitig über das Projekt und seine Protagonisten zu forschen. Das schließt auch uns selbst ein. Deshalb können wir es den KünstlerInnen nicht übel nehmen, dass auch sie ihrer Passion folgen und ihre Prioritäten auf ein ästhetisches Endprodukt legen.

Es bleibt nur noch zu sagen, das es ohne Köche nicht einmal einen „Brei“ gegeben hätte.