An die eigenen Grenzen stoßen – Die Autoritätsfrage

Viktoria Gabrysch

‚Im Feld‘ erwartet einen vieles. Darauf bereite ich mich vor. Doch es gibt Dinge, mit denen man bei noch so sorgfältiger Vorbereitung eben nicht rechnen kann. Das muss nicht unbedingt mit den äußeren Umständen oder den Akteuren zusammenhängen. Es kann auch ganz allein mit einem selbst zu tun haben.

Am Mittwoch, den 15.12.2010 gingen wir mit den SchülerInnnen in unsere Universität, zur Humboldt Universität, Unter den Linden. Sie sollten einen Ort erkunden, den sie noch nicht kannten. Auf dem Rückweg von dort sagte Fatma, eines der Mädchen, sie würde nicht mit zurück in die Schule gehen, sondern gleich nach Hause fahren. Ich musste sie in ruhigem Ton mehrmals darauf hinweisen, dass sie bis halb eins offiziell Unterricht habe und sie deshalb mitkommen müsse. Nun war ich mir sicher, sie würde auf mich hören. Doch wir mussten am U-Bahnhof Pankstraße zehn Minuten auf sie warten, weil sie sich dazu entschieden hatte, einen anderen Ausgang zu nehmen – einfach so. Zunächst schüttelte ich den Kopf, als ich sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah. Doch dass sie dann zehn Minuten brauchte, um herüberzukommen, reizte mich doch etwas, denn wir standen schließlich unter Zeitdruck. Vor der Abschlusssitzung in großer Runde stand noch eine Teambesprechung an. Bei ihrem Eintreffen auf unsere Straßenseite, machte ich daher die kurze Ansage, dass ich das nicht in Ordnung fände und sie Verantwortung für die ganze Gruppe trüge.

Als wir dann in Zweiergruppen zum Schulgebäude liefen, geschah etwas, dass ich erst im Nachhinein erfuhr. Offenbar warfen Ali und Mohamed einer passierenden alten Dame Schnee ins Gesicht. Ich lief vor ihnen, deshalb bekam ich davon nichts mit. Doch Marius kam der Frau entgegen. Auch er hatte von der ganzen Aktion nichts mitbekommen, sah die Dame jedoch weinend, als sie sich den Schnee aus dem Gesicht wischte. Es konnte niemand anderes gewesen sein außer Ali und Mohamed. In der Schule begegnete ich Marius, der gerade eintraf und außer sich war. Ich schlug ihm vor, den SchülerInnen zu sagen, dass das nicht in Ordnung war. Genau das tat er dann auch. Und als ich vor dem Klassenraum ankam, war schon eine heftige Diskussion zwischen ihm und den SchülerInnen entfacht. Marius fing an, lauter zu werden. Ich bemühte mich, ihn zu beruhigen. Weil ich diese Aktion auch nicht sehr schätzte, versuchte ich nun etwas ruhiger auf Ali, der es gestanden hatte, einzureden. „Stell dir vor, jemand würde das mit deiner Oma machen! Wie würdest du dann reagieren?“ Ali antwortete nicht und schaute nur beschämt nach unten. Damit wollte ich das Thema abgehakt haben. Da wir immer noch unter Zeitdruck standen und der Klassenraum noch nicht aufgeschlossen war, entschieden wir uns kurzerhand, das Abschlussgespräch im Flur zu halten. Rainer von der Künstlergruppe hatte gerade zu sprechen begonnen, da war unsere Gruppe schon wieder unruhig. Serkan und Ümit unterhielten sich drei Meter weiter. Nun platzte mir endgültig der Kragen. Ich sagte in ernstem Ton, sie sollten ruhig sein und zur Gruppe kommen. Ich brodelte innerlich. Dann schloss ich die Tür zum anderen Klassenraum, holte tief Luft und ging auf die SchülerInnen zu. Im Nachhinein betrachtet, muss ich wohl eher sagen, ich ging auf die SchülerInnen los, denn ich brüllte: „Das kann doch wohl nicht wahr sein, wie ihr euch hier benehmt! Es kann nicht angehen, dass wir (auf Fatma gerichtet) zehn Minuten auf jemanden warten müssen; dass gequatscht wird (auf Serkan und Ümit gerichtet), wenn wir eine Besprechung halten wollen UND (meine Stimme wurde immer lauter, als ich mich zu Ali und Mohamed wandte) es kann nicht angehen, dass man einer Oma Schnee ins Gesicht wirft!...“. Ich war so sehr in Rage, dass ich mich überhaupt nicht beruhigen konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich Marius einen Schritt zurücktreten. Aus Schreck? Durch meinen Blick in die Runde sah ich Rainer, der sich gerade auf den Boden setzte und etwas schmunzelte. Tja, nun war ich ausnahmsweise mal ‚der böse Cop‘. Die SchülerInnen waren alle ruhig. Einige starrten auf den Boden. Vor Scham? Nach meiner Predigt kam die Lehrerin und schloss den Raum auf. Wir gingen hinein und führten die Abschlusssitzung durch. Ich war so sehr von mir selbst erschrocken, dass ich keinen Ton mehr herausbrachte.

Den restlichen Tag über hatte ich Halsschmerzen. Zudem machte ich mir Vorwürfe. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl gehabt, mit den Jugendlichen auf einer Wellenlänge zu sein. Auch wenn ich wesentlich älter war als sie, so hatte ich immer das Gefühl, den Status zu haben „Sie-ist-eine-von-uns“. Auf einmal wendete sich das Blatt mit der Frage: „Wie viel Autorität braucht es in diesem Feld?“ Ich bin schließlich keine Lehrerin. Aber ich bin auch definitiv keine Schülerin. Ich trage die Verantwortung für die Jugendlichen. Aber ich möchte auch ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und hatte Angst, versagt zu haben. Ich hatte ‚meine Babys‘ angeschrien! Würden sie mich jetzt hassen? Daraufhin rief ich Studienkollegen, Freundinnen, ja sogar meine Mutter an. Alle beruhigten mich und sagten, wenn ich wolle, könne ich mich ja bei den Kids entschuldigen.

Gesagt, getan. Vor Anbruch des nächsten Projekttages saßen wir in der Gruppe beisammen. Ich nahm das Wort an mich und sagte: „Ich wollte mich bei euch für meinen Ton gestern entschuldigen. Ich war einfach nur sehr enttäuscht von euch, weil ihr so gut gearbeitet hattet und dann so eine Scheiße gebaut habt.“ Alle lächelten mich an. Ich wollte gerade fortfahren, da unterbrach mich Ümit mit einer großen Umarmungsgeste  und mit den Worten: „Nein man, es hat mir gefallen!“ Ich stockte und musste ebenfalls anfangen zu grinsen.

Alles klar. Ich hatte mir viel zu viele Gedanken gemacht. Natürlich mochten mich die Kids noch. Sie hatten zudem schon ein viel besseres Verständnis darüber, welche Rolle ich bei diesem Projekt übernahm. Durch dieses Erlebnis wurde mir bewusst, dass und vor allem welchen Teil des Feldes ich ausmachte. Und dass es immer eine Wechselwirkung zwischen den Handlungen aller Beteiligten gibt, ist Voraussetzung. Man muss eben auch mit den eigenen Auseinandersetzungen rechnen. Schließlich sind wir doch alle Akteure in einem Raum, egal in welchem.

Anmerkung: Die Namen der SchülerInnen wurden geändert.